Zu Besuch

Mit der Ost-West-AG zu Besuch bei Edith und Kito Penk

Notiz nach einem Besuch in der Lausitz
von Betty Schiel

blaubeeren-cerne jagody und libawka-winterlieb sind Kurzfilme über Edith und Kito Penk aus Schleife in der Oberlausitz, die sich gegen das Abbaggern ihrer Heimat quer stellen. Die Filmemacher*innen Maja Nagel und Julius Günzel haben uns bei Edith und ihrem Sohn Kito eingeführt. Widerstand gegen jedweden Unsinn, Leben mit der Natur. Die alte Dame ist voller Energie: witzig und offen pflegt sie ihre Kraft selbst: In ihrer Küche auf der Fensterbank Fläschchen mit aufgesetztem Sauerampfer und Kräutersträußchen. Allein auf weiter Flur stemmt sie sich wie die Gallier gegen die Römer − nur gibt es keinen Zaubertrank gegen den Tagebau in der Lausitz. Es wird unbarmherzig weiter gebaggert. Ediths Mitwelt verschwindet in großen Löchern. Sie pflegt die sorbische Kultur: ein Rettungsanker, der aber selbst in Auflösung begriffen ist. Bei dieser existenzbedrohenden Gefahr den Kopf oben zu behalten ohne zu verzweifeln − davon würde ich mir gern ein Scheibchen abschneiden. Durch den Zwist um die Umsiedlungen im Kontext des Tagebaus leidet die Solidarität in der Region. Das 30. Jubiläum des Rohner Dorftheaters wollen wir zusammen feiern. Edith ist Vereinsvorsitzende.

Edith führt uns zur Abbruchkante, an der grade „zum Schutz“ der nächsten Ortschaft eine sehr große Mauer gebaut wird. Dahinter Wüste in abstrakten Formen. „Ein riesen Sandkasten“, sagt Edith. Durch den Wald mit einem Teppich von Blaubeeren führt eine Straße schnurgerade aus. Rechts davon ein Wall aus Totholz. Der Kahlschlag ist an manchen Stellen noch nicht vollendet. Zwischen Straße und Grube lebt noch ein 100 Meter breiter Waldstreifen. Den will Kito uns zeigen und sucht dort nach libawka-winterlieb, wie im Film. Irgendwann stellen wir fest, dass wir schon fast drauf stehen. Rote Liste bedrohter Pflanzen-Arten: Man kann das nicht einfach so in Töpfchen setzen und umsiedeln. Winterlieb steht ja in Verbindung, so wie Kito und Edith. Das Bild von Kito, der im Wald an der Abbruchkante das Winterlieb sucht und mit großer Bestimmtheit die riesige Grube aus seinen Fokus rückt, ist stark und rührt mich. Als könnte er auch was aufhalten, wenn er uns Libawka zeigt.

Das wird abgerissen. Da wurde ein Haus geschleift. Das wird weg gebaggert.“

Das ist der Refrain von Edith, wenn man durch ihr Revier streift. Hausrotschwänze überall. Auf der Wiese sitzen Kraniche, am Fußballplatz singt der Pirol. Kito zeigt uns im alten Wald eine kleine Orchidee (geflecktes Knabenkraut), Königsfarn, Flachbärlapp und andere seltene Pflanzen. Der kleine Schmetterling ist ein Grüner Zipfelfalter. 

Jenseits davon steht „Renaturierung“ auf dem Programm für alles, was momentan nicht mehr ist als ein Loch − ein unangenehmes Wort, mit dem sich der Mensch außerhalb der Natur stellt. Unerträgliche Hybris. Denn Renaturierung meint, dass es nach all der Zerstörung ausgerechnet der Mensch sei, der diese Landschaft wieder zu „Natur“ macht. Alles an dem Wort ist falsch. [Kohleausstieg: Das Milliardengrab der Lausitz] Im Aussichtshüttchen an der Abbruchkante die üblichen Schautafeln. Wir singen das Steigerlied. Auftritt Edith: „Das ist das schlimmste Lied, das ich kenne.“

Zurück in Ediths Küche gibt es Hefeklöße und Blaubeerkompott für alle, dann Kaffee und Kuchen und eine neue Verabredung im nächsten Sommer.

Die Ost-West-AG | Betty Schiel, Eva Lochner, Johanna-Yasirra Kluhs, Tanja Krone, Elisa Ueberschär und Bettina Grahs auf Recherchetour mit Maja Nagel, Julius Günzel, Edith Penk, Kito Penk, Karsten Nitsch – Mai 2021
Fotos von Betty Schiel

Nachtrag:
Eine SMS von Kito | 24. Januar 2022: „Der Seerosenteich mit dem Moorbiotop ist durch den Harvester zerstört. Besonders das Moorbiotop wurde absichtlich zerstört.“