Unter Tage

Johanna-Yasirra Kluhs, Tanja Krone

HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste Dresden

Tanja, du kommst aus Sachsen, Johanna, du aus dem Ruhrgebiet. Bei eurem aktuellen Projekt »UNTER TAGE« habt ihr euch die Frage gestellt, was eure Geschichten miteinander zu tun haben. Welche Antworten habt ihr gefunden?

Tanja: Das ist nicht so einfach zu beantworten. Ganz wenig und ganz viel. Ich würde es fast ein Bedingungsgefüge nennen. Kommt ja immer drauf an, wie Du drauf guckst. Man kann die eigene Geschichte unabhängig von anderen betrachten, aber wenn man die Verbindungen sucht, dann tauchen sie auch auf. Und wenn sie mit der größtmöglichen Fremdheit zu tun haben, dann ist eben das die Verbindung. Wichtig ist ja erstmal, dass man was erfahren will über die andere Geschichte.

Günstig erweist sich die Setzung, dass wir uns einen historischen Moment nehmen, den wir beide irgendwie erlebt haben müssen. Auf jeden Fall haben unsere beiden Geschichten was mit der Suche nach Wurzeln zu tun. Nach der Frage von Zugehörigkeit. Wo gehören wir hin und woran macht sich das fest. Diese Suche ist sehr aktiv, auch wenn wir mal nicht zusammen »UNTER TAGE« gehen. Vermutlich besteht darin die größte Gemeinsamkeit von uns als Personen heute. Hat das was mit Prägung zu tun? Weiß ich nicht. Ich glaube, auch hier gilt eher, dass wir überhaupt erstmal nach dieser »Prägung« suchen. Und die lässt sich ja an vielen kleinen Stellen der eigenen Vergangenheit festmachen. Der ost- beziehungsweise westdeutsche Hintergrund hat damit unter Umständen wenig zu tun.

Geld – da haben wir unterschiedliche Auffassungen, welchen Stellenwert oder welche Aufmerksamkeit dieses Thema in unseren Leben hat oder haben soll. Auch Passing spielt eine Rolle. Und viele andere Merkwürdigkeiten.

Johanna: Was mir zu Passing einfällt: Für mich ist ja biografisch der Süden viel wichtiger als der Westen. Also, als irgendwie unbeantwortete Frage in meiner Biografie und in meinem Arbeiten. Die bekommt in unseren Beschäftigungen auch ihren Platz. Beyond east and west – oder auch: ganz klar verstrickt.

Tanja: Wir haben uns in Chemnitz mal mit dem Stollen beschäftigt, diesem Gebäck, dass es in der Vorweihnachtszeit im Erzgebirge gibt und das fast schon sowas wie Volkskunst ist. Wir haben uns gefragt, was da eigentlich alles reingehört, damit es ein »echter Stollen« wird.

Johanna: Ja, Südfrüchte scheinen ganz schön typisch Osten zu sein. Aber ich würde gerne noch mal kurz zurück zu diesem Ostdeutschland- und Ruhrgebietsding. Einerseits kommen wir durch diesen Fokus weg von dieser globalen Behauptung, die in dem Ost-West oft drinsteckt, obwohl der Diskurs sich dann doch nur auf (weiße) deutsche Fragen bezieht. Und andererseits haben wir uns viel mit dem Verhältnis von Strukturwandel und Strukturbruch beschäftigt und herausgefunden, dass dieses heftige neoliberale Regime 1990 auch aus »schlechten« Erfahrungen des hochsubventionierten zu postindustrialisierenden Ruhrgebiets entstanden ist. Das war schon ein echter eye opener für mich. Ich komme ja gar nicht aus dem Ruhrgebiet, aber bin hier zu Hause. Und deswegen hat das »UNTER TAGE« gehen mit Tanja für mich nicht nur was mit Herkunft zu tun, sondern auch mit dem Versuch, zu verstehen, was unsere Leben bedingt. Und wo Räume zu gestalten sind. Da treffen wir uns natürlich auch. In diesem krassen Interesse an der Realität.

Ihr schürft ja schon länger gemeinsam in der Geschichte zwischen Ost und West und begebt euch dabei gerne in viele Gespräche, wie in »Mit Echten reden«. Wie seid ihr diesmal vorgegangen?

Tanja: Wir haben bei uns selbst angefangen. Haben uns eine bestimmte Zeit lang getroffen – in Sachsen und im Ruhrgebiet – die Gegend erkundet und auch hier wieder verschiedene Menschen getroffen, die uns ihre Welt aus ihrer Perspektive mit bestimmten Schwerpunkten zeigten. Diesen Input haben wir als Quelle für weitere eigene Reflexionen genutzt. Wir haben im Zuge unserer Residenz eine lose Gruppe gebildet mit ein paar anderen Frauen aus Ost und West. Uns erweitert sozusagen: Die Ost-West-AG. Es ist interessant, da unsere Suche sehr offen ist. Schürfen ist das richtige Wort, aber wir wissen oft gar nicht so genau, wonach wir eigentlich schürfen. Nach Erkenntnis, klar. Aber auf welchem Level liegt die? Wenn wir uns ganz real mit Menschen treffen und uns ihre Realität zeigen lassen, ist das noch nicht die Schicht, die uns interessiert. Das ist erstmal die Oberfläche. Aber da muss man ja ansetzen. Um tiefer zu kommen. Und dann da vielleicht Verbindungsfäden zu finden.

Johanna: Es gibt ja diesen Begriff im Bergbau: Einen Schacht abteufen. Das ist der Vorgang, wenn man sich entscheidet, an einer Stelle wirklich abzubauen und da ein Gerüst aufstellt und so weiter. Ich glaub, wir schauen immer noch, wo sich das lohnen könnte. Und ob wir überhaupt so arbeiten wollen. Dieses begegnungsbasierte flächige Arbeiten, das wir grad tun, schafft ganz eigene Formen von Öffentlichkeit, die irgendwie etwas anderes sind als so klar ausgerichtete Produktionen und so auch viel mehr Platz für Gäst*innen lassen. Ich bin gespannt, wie das weitergeht. Naja, und wir schreiben, aus all dem heraus.

Tanja: Das ist irgendwie ein heilsamer Prozess. Und darum geht es uns wohl noch immer: um das Heilen. Damit wir dann gemeinsam an andere Punkte gehen können. Auch als Gesellschaft oder Gemeinschaft, meine ich. Unsere aufgespürten Themen in einen größeren gesellschaftlichen Zusammenhang zu stellen. Und gucken, ob da was dran ist oder dran sein könnte. Das begann mit »Mit Echten reden« – also das Einzelbeispiel gemein zu machen. Sagt man das so? Das haben wir schon versucht. Damit jede*r andocken kann an das Erzählte.

Außerdem habt ihr euch extra die Zeit genommen und habt Werner Bräunigs »Rummelplatz« gelesen. Was vermittelt sich da?

Tanja: Alles. Oder sagen wir: vieles, das uns interessiert. Aber damit sind wir noch nicht durch! Einmal lesen ist gerade mal, wie den Klappentext lesen. Uns flasht vor allem die Sprache. Damit möchten wir weiter in Residenz gehen. Oder in Resonanz. Bei unserem Treffen im Ruhrgebiet haben wir zusammen mit Nesrin Tanç Bräunigs Texte mit Fakir Baykurt, einem türkischen Autor aus der Region, in Dialog gebracht. Das hat weitere Türen der Zeit- und Ortlosigkeit geöffnet.

Johanna: Ja, du hast den Text dann ja sogar auf türkisch vorgelesen. Da ist für mich richtig was zusammengekommen. Wie viele Texte durch uns hindurchgehen, von denen wir kaum etwas wissen, die wir vielleicht selbst auch gar nicht verstehen – und trotzdem sind sie Teil von uns. Diese ästhetische Erfahrung von der eigenen unkontrollierbaren Geschichtlichkeit habe ich auch bei der Lektüre von Bräunig. Und das manifestiert sich da auch im Text selbst: Er wird immer mehr zu einer Beschreibung von Phänomenen, nimmt ganz viel Abstand von der Idee von Überblick und Zusammenfassung. Die Realität liegt da so um uns herum, da gibt es wenig zu bestimmen. Zusehen, zuhören, sich halten und trotzdem ständig verändern. Ach, Rummelplatz!

Welche künstlerischen Zugänge haben sich aus eurer Recherche ergeben?

Tanja: Wir haben einen regelmäßigen Dialog vor. Gemeinsam denken (nix neues) – aber mit festem Termin! Des Weiteren: Streiten lernen! »Streiten« könnte ein guter künstlerischer Zugang für die nächsten 15 Jahre werden.

Johanna: Genau. Eigentlich dieses offene und immer wieder öffentliche Tätigsein weiterführen. Mit mehr Zeit. Und Wiederholungen! Und dann entsteht Tiefe und wer weiß, vielleicht sehen wir dann im Nachhinein: Ein Schacht.

Was habt ihr »UNTER TAGE« alles entdeckt?

Tanja: Dass »Erzgebirgische Volkskunst« nicht nur gemütlich ist.

Dass Stollen die Menschen spalten kann.

Dass Chemnitz lange als »Schachtdeckel« herhalten musste.

Dass die Welt tief unter der Erde weitergeht und nicht unsere Welt ist.

Dass das Graben Spuren hinterlässt.

Dass das »in Beziehung gehen« neue Räume eröffnet.

Johanna:

Erstens: Die Flöze verbinden Süden und Norden. (Adern, Bahnen, Rinnen, Stränge, Flüsse). Zweitens: Der Segensspruch «Glück auf!« wandert vom Erzgebirge ins Ruhrgebiet und wandelt seine Bedeutung. «Mögest du der Erde ihre Schätze abtrotzen« wird zu «Möge die Fabrik dich lebend wieder entlassen«.

Tanja: Dass es heilsam ist, sich mit anderen der eigenen Vergangenheit zu widmen, diese mit anderen, scheinbar »Fremden« zu teilen. Vielleicht entsteht aus sowas Freundschaft.